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GEORGES BATAILLE

 

 

 

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GEORGES BATAILLE                              12.06.2012

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Biografie:

Geboren wurde George Bataille am 10. September 1897 in Billom in der Auvergne. Während seiner Jugend litt er nach eigenen Angaben sehr unter der fortschreitenden Paralyse des Vaters und einem Selbstmordversuch seiner Mutter.

Nach einer mehrjährigen katholischen Phase betrieb Bataille Sprachstudien, widmete sich einer intensiven Hegellektüre und lernte die surrealistischen Künstler Michel Leiris und André Masson in Paris kennen, wo er als Bibliothekar arbeitete.

Von 1934 bis 1939 besuchte er die Vorlesungen des aus Russland stammenden Philosophen Alexandre Kojève über Hegels "Phänomenologie des Geistes", die auch der Psychoanalytiker Jacques Lacan und die Philosophen Jean-Paul Sartre und Maurice Merleau-Ponty hörten.

In diesen Jahren veröffentliche er auch seine wichtigsten Werke wie "Die Aufhebung der Ökonomie", "Die innere Erfahrung" und "Die Literatur und das Böse". Ab 1959 verschlechterte sich Batailles gesundheitlicher Zustand. Er verstarb am 9. Juli 1962 in Paris.

Werke von Georges Bataille:

"Die Aufhebung der Ökonomie", übersetzt von Traugott König, Heinz Abosch und Gerd Bergfleth, Matthes & Seitz

"Die Erotik", übersetzt von Gerd Bergfleth, Matthes & Seitz

"Die innere Erfahrung", übersetzt von Gerd Bergfleth, Matthes & Seitz

"Die Literatur und das Böse", übersetzt von Cornelia Langendorf, Matthes & Seitz

"Die psychologische Struktur des Faschismus / Die Souveränität", übersetzt von Rita Bischof, Elisabeth Lenk und Xenia Rajewsky, Matthes & Seitz

"Nietzsche und der Wille zur Chance. Atheologische Summe III", übersetzt von Gerd Bergfleth, Matthes & Seitz

Ö1 Sendungshinweis:

Radiokolleg über "Georges Bataille - der Denker des Nutzlosen": 9.-12.7, 9:30 Uhr.

Sekundärliteratur:

Rita Bischof: "Souveränität und Subversion. Georges Batailles Theorie der Moderne", Matthes & Seitz

"Tragisches Lachen. Die Geschichte von Acéphale", Matthes & Seitz

Maurice Blanchot: "Die Freundschaft", Matthes & Seitz

Bernd Mattheus: "Georges Bataille I/II/III. Eine Thanatographie", Matthes & Seitz

Artur Boelderl: Georges Bataille. Über Gottes Verschwendung und andere Kopflosigkeiten, Parerga-Verlag

Ferdinand Fellmann: Das Paar. Eine erotische Rechtfertigung des Menschen, Parerga Verlag

Reiner Keller: Michel Maffesoli. Eine Einführung, uvk Verlag

Michel Maffesoli: Die Zeit kehrt wieder, Matthes&Seitz Verlag, angekündigt für November 2012

Peter Wiechens: Georges Bataille zur Einführung, Junius Verlag

 

Philosoph der Verausgabung

Der französische Philosoph und Schriftsteller Georges Bataille ist der Denker der Grenzüberschreitung. Ihn faszinierten die "Intensitätszonen" des Ekstatischen. Dem Alltagsleben in der verwalteten Welt des Kapitalismus mochte er wenig abzugewinnen: Er plädierte stattdessen für schrankenlose Verausgabung.

 

Würdigung eines philosophischen Randgängers

 

Wir weigern uns zu sehen, dass das Leben eine dem Gleichgewicht gelegte Fußangel ist, dass es ganz und gar in Unbeständigkeit, Labilität besteht und in ihr sich verliert. Es ist eine stürmische Bewegung, die ununterbrochen zur Explosion kommt. ("Der heilige Eros")

Während Bataille in Frankreich die Position eines philosophischen Klassikers des 20. Jahrhunderts einnimmt, der das Denken von Michel Foucault oder Gilles Deleuze entscheidend beeinflusste, hat er im deutschsprachigen Raum noch immer den Status eines exzentrischen Außenseiters. Um Bataille zu würdigen, fand anlässlich seines 50. Todestages Anfang Juli an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz vergangene Woche ein internationales Symposium statt.

Bataille wirft der traditionellen Philosophie vor, dass sie - durch ihre Beschränkung auf die Reflexion und die Diskursivität - Grenzerfahrungen, wie sie etwa in der Erotik oder in Rausch- und Traumzuständen gemacht werden, ausschließt. Er bezweifelt die Berechtigung solch eines Philosophierens, "das den intensivsten Gemütsbewegungen fremd gegenübersteht". Bataille sieht im herkömmlichen philosophischen Diskurs den Ausdruck der "profanen, homogenen Welt", in der Arbeit, Disziplin, Verlässlichkeit, und Nüchternheit dominieren. Dagegen setzt er die souveräne "Welt des Heiligen", in der sich "das verschwenderische Aufbrausen des Lebens" ereignet.

Das Fest - Paradigma der Entgrenzung

In seinem Symposiums-Beitrag erinnerte der an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität in Linz lehrende Artur Boelderl an den radikalen Lebensentwurf Batailles, der so lautet: "Ein Ja-Sagen zum Leben bis in den Tod".

Gemeint ist damit ein an Friedrich Nietzsche orientiertes dionysisches Ja-Sagen zur Welt, das auch die "verabscheuten und verruchten Seiten des Daseins" (Nietzsche) aufsucht und nur als Transgression, als Überschreitung aller Grenzen vor sich gehen kann; in einer Transgression, die – so Bataille - "eine funkelnde und immer bejahte Welt, eine Welt ohne Schatten, ohne Dämmerung, ohne das gleitende Nein" eröffnet.

Ein Ort, wo Transgressionen erfolgen können, ist das Fest - ein inszenierter Ausnahmezustand, in dem die Menschen die bestehenden Grenzen der sozio-kulturellen Ordnung überschreiten. Das Fest wirkt wie eine Explosion, die das Grau in Grau des normierten Alltagslebens aufbricht. Das sich im Fest verschwendende und verausgabende Individuum wird zu einem "Subjekt auf dem Siedepunkt". Es erlebt den Zustand der Ekstase, so Boelderl in seinem Vortrag, der mit dem Verlust des "sozio-kulturellen Selbst" verbunden ist.

"Wer verliert, gewinnt"

Eben dieses "Subjekt auf dem Siedepunkt" mit dem damit verbundenen Selbstverlust stand im Zentrum des elaborierten Vortrags des französischen Soziologen Michel Maffesoli. Er lehrt Soziologie an der Sorbonne in Paris und gilt als einer der führenden Intellektuellen Frankreichs. In seiner wissenschaftlichen Arbeit befasst er sich häufig mit zentralen Thesen von Bataille, wie er auch in Linz betonte. Schon der Titel seines Vortrags "Wer verliert, gewinnt" evozierte Batailles Konzeption der Transgression.

Indem man in der Überschreitung die monotone, profane Welt des Alltagslebens verlässt, erschließt man sich neue Erlebniswelten, die Maffesoli metaphorisch als "die Welt des Orgiastischen" bezeichnete. Damit ist nicht nur die in der Sexualität erlebbare Ekstase gemeint, sondern jede Form einer hemmungslosen Verausgabung im Sinne Batailles, die er als "unproduktive Verausgabung" verstand.

Für hemmungslose Verausgabung

Worauf Maffesoli anspielte, ist Batailles umfangreicher Aufsatz "Der Begriff der Verausgabung". Darin polemisierte er gegen das Nützlichkeitsdenken und gegen den Produktivitätswahn der klassischen kapitalistischen Ökonomie. Sie kenne nur – so lautete der Vorwurf – den Erhalt und die Ausweitung des vorhandenen Reichtums und einen gemäßigten, kontrollierten Verbrauch.

Diesem "produktiven Verbrauch", der zur Erhaltung des Lebens notwendig ist, stellte Bataille den "unproduktiven Verbrauch" - die hemmungslose Verausgabung - gegenüber. Es sind dies all die Formen wie "Luxus, die Kulte, die Spiele, die Schauspiele, die Künste, die sexuelle Tätigkeit, die ursprünglich ihren Zweck in sich selbst hatten".

Lachen als Form der Transgression

Die in Berlin tätige Literaturhistorikerin Rita Bischof verwies im Gespräch mit science.ORF.at auf eine andere Form der Transgression, die speziell im Spätwerk von Bataille eine wichtige Rolle spielt. Es handelt sich dabei um das Lachen, mit dem sich Bataille seit seinem Zusammentreffen mit dem französischen Philosophen Henri Bergson 1920 in London beschäftigte. Bergson ist der Autor einer Studie "Über das Lachen", in der er dieses Phänomen in sein philosophisches System einordnete.

Diese Engführung des Lachens überzeugte Bataille nicht. Er war davon überzeugt, so Rita Bischof, dass "das Lachen sich nicht in ein Objekt des Denkens transformieren lasse, ohne dass es aufhöre, Lachen zu sein". Bataille hatte eine andere Vorstellung; und zwar von einem göttlichen, befreienden Lachen, das er mit "Trunkenheit, erotischem Taumel, Opfertaumel, poetischem Taumel, heroischem Benehmen, Wut und Absurdität" gleichsetzt.

Eine Ahnung davon vermittelt der russische Avantegarde-Schriftsteller Velimir Chlebnikov in seinem Gedicht "Beschwörung durch Lachen", die teilweise mit glossolalischen Mitteln erfolgt: "Lacht auf, ihr Lacherer/Oh, lacht los, ihr Lacherer/Die mit Gelächter lachen, die lachal lachantern/Oh, lacht los, lächeral!"

"Negative Befreiungsontologie"

Der in Chemnitz emeritierte Philosoph Ferdinand Fellmann betrachtete Batailles Transgression als ein Projekt einer "negativen Befreiungsontologie". Das bedeutet, dass

Bataille die gesamte Sphäre des Seins, die von der traditionellen Philosophie "als goldenes Kalb" verehrt wird, radikal in Frage stellt. Im Taumel der Verausgabung, in den Abgründen unserer Körperlichkeit – so Ferdinand Fellmann - würden die Ketten der kulturell-gesellschaftlich determinierten Ich-Identität gesprengt und dadurch die Illusion begraben, mittels der Rationalität "Herr im eigenen Haus" zu sein. Der Künstler-Philosoph Bataille avanciere "zum Visionär einer alternativen Weltsicht", der eine mystische Form der Utopie verspreche.

"Dionysisches Schattenreich"

Eine Lesart Batailles, wie sie Guillaume Rousson, der Direktor des Französischen Kulturinstituts in Wien, andeutete, weist in eine andere Richtung: Batailles Konzeption der Transgression enthalte nicht mehr das gesellschaftspolitische Dynamit ihrer Entstehungszeit, erläuterte Rousson. Phänomene wie die entfesselte Sexualität, hemmungsloses Herbeiführen von Rauschzuständen und dionysische Feste in Form von rave parties seien längst zum fixen Bestandteil der Alltagskultur geworden.

Diesen Befund teilt auch der Soziologe Maffesoli. Er sieht darin die Transformation der homogenen, profanen Gesellschaft in eine orgiastische Form des Zusammenlebens; mit den Worten Maffesolis: An die Stelle "des prometheischen Lichtregimes", das auf die Epoche der Aufklärung zurückzuführen ist, tritt das "dionysische Schattenreich", in der "eine Zirkulation der Leidenschaften" erfolgt.

Nikoluas Halmer, Ö1 Wissenschaft